Teilzeit ist kein Wunschkonzert – Analyse der Verteidigung der Teilzeitarbeit

„Im Teilzeit-Modus gibt es kein Spital, kein Altersheim und kein Schnitzel“ Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP), dominierte damit kurz die Schlagzeilen und trat damit eine Welle der Empörung und des Widerspruchs los: Gewerkschaften, Sozialorganisationen, Oppositionsparteien und die eigene Kollegin im Regierungsteam, Sozialministerin Korinna Schumann, konterten.

Was auf den ersten Blick wie ein Schlagabtausch im Sommerloch wirkte, entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ernsthafte Auseinandersetzung um Deutungshoheit: Geht es in Österreich um eine „Leistungsoffensive“ um jeden Preis – oder um das Anerkennen von Lebensrealitäten, die Teilzeitarbeit notwendig machen?

Die Auseinandersetzung um Teilzeit im Sommer 2025 war damit mehr als ein Schlagabtausch zwischen Arbeitgeber:innen und Arbeitnehmer:inneninteressen. Sie offenbarte einen fundamentalen Konflikt um Werte: Geht es um Leistung um jeden Preis – oder um Rahmenbedingungen, Wahlfreiheit und Anerkennung von realen Lebenssituationen?

Die Verteidiger:innen der Teilzeit setzten auf vier zentrale Narrative:

Narrativ 1: Lebensrealität und Notwendigkeit – „Teilzeit ist kein Wunschkonzert“

Teilzeitarbeit ist für viele Menschen nicht nur eine persönliche Entscheidung, sondern die einzige realistische Möglichkeit, Beruf und Alltag überhaupt zu bewältigen. Besonders Frauen übernehmen in Österreich nach wie vor den Großteil (über zwei Drittel) von Kinderbetreuung sowie der Pflege von Angehörigen. Wer unter diesen Bedingungen arbeiten will, muss die Arbeitszeit anpassen – und findet oft keine andere Option als Teilzeit.

Dazu kommen gesundheitliche Gründe oder die enorme Belastung in Berufen wie Pflege oder Handel, die Vollzeitarbeit schlicht unmöglich machen. Teilzeit ist deshalb keine Modeerscheinung oder „Lifestyle-Wahl“, sondern Ausdruck harter Realitäten: Sie ermöglicht es, Erwerbsarbeit mit familiären oder gesundheitlichen Verpflichtungen in Einklang zu bringen – und ist damit für Millionen Menschen schlicht eine Notwendigkeit.

„Teilzeit ist kein Wunschkonzert, sondern oft eine Notwendigkeit.“

Helene Schuberth, ÖGB (22. Juli 2025)

„Teilzeit ist gelebte Realität für ein Drittel der Arbeitnehmer:innen.“

Birgit Gerstorfer, Pensionistenverband (23. Juli 2025)

„Teilzeit ist kein Luxus, sondern die Folge verfehlter Politik.“

Erich Fenninger, Volkshilfe (22. Juli 2025)

Narrativ 2: Strukturelle Ursachen – „Nicht die Menschen, sondern das System ist das Problem“

Die hohe Teilzeitquote ist nicht das Ergebnis mangelnder Leistungsbereitschaft, sondern das Resultat struktureller Defizite. In Österreich fehlen flächendeckend Kinderbetreuungsplätze und Pflegeangebote, die es Menschen überhaupt ermöglichen würden, Vollzeit zu arbeiten. Viele Unternehmen, besonders im Handel, schreiben bewusst nur Teilzeitstellen aus, um flexibler zu sein, und nehmen dabei in Kauf, dass Beschäftigte keine Chance auf höhere Stundenzahlen haben.

Teilzeit ist damit weniger eine individuelle Entscheidung als vielmehr eine Folge politischer und wirtschaftlicher Rahmenbedingungen. Wer die Betroffenen kritisiert, verschweigt die Verantwortung von Politik und Unternehmen, die diese Strukturen seit Jahrzehnten mitgestalten.

„Nicht Teilzeit ist das Problem, sondern ein System, das Frauen in Altersarmut drängt.“

Markus Wieser, AK NÖ (29. Juli 2025)

„Diese Frauen hatten keine echte Wahl in einem System fehlender Betreuungsangebote.“

Hanna Lichtenberger, Volkshilfe (25. Juli 2025)

„Viele würden gerne mehr arbeiten, wenn Kinderbetreuung, Pflegeangebote und flexible Arbeitszeitmodelle vorhanden wären.“

Helene Schuberth, ÖGB (22. Juli 2025)

Narrativ 3: Fairness und Anerkennung – „Respekt statt Abwertung“

Teilzeitkräfte leisten weit mehr, als anerkannt wird. Sie (überwiegend Frauen) tragen nicht nur durch ihre Erwerbsarbeit bei, sondern stemmen zusätzlich den größten Teil unbezahlter Sorgearbeit – und ermöglichen dadurch erst die Vollzeitarbeit anderer (Männer).

Zudem kommt: 42 Millionen Überstunden bleiben Jahr für Jahr unbezahlt, und doch werden gerade jene, die Kinder erziehen, Angehörige pflegen oder im Gesundheitswesen arbeiten, in der politischen Debatte abgewertet.

Fairness bedeutet, diesen Beitrag endlich sichtbar zu machen. Es geht nicht nur darum, Erwerbsarbeit in Stunden zu messen, sondern auch die gesellschaftlich unverzichtbare Arbeit anzuerkennen, die überwiegend Frauen in Teilzeit leisten. Anstatt Teilzeit als Schwäche oder Kostenfaktor darzustellen, braucht es Respekt, gerechte Bezahlung und Wertschätzung für all jene, die das System am Laufen halten – im Job und darüber hinaus.

„Wer mehr Leistung will, muss sie auch bezahlen. 42 Millionen unbezahlte Überstunden gehören endlich entlohnt.“

Josef Muchitsch, FSG (19. Juli 2025)

„Diese Menschen verdienen Respekt – keine öffentliche Herabwürdigung.“

Birgit Gerstorfer, Pensionistenverband (23. Juli 2025)

„Sie brauchen keine Vorwürfe, sie brauchen mehr Gerechtigkeit.“

Hanna Lichtenberger, Volkshilfe (25. Juli 2025)

Narrativ 4: Lösungen und Reformagenda – „Rechte statt Sanktionen“

Die Verteidiger:innen formulieren Vorschläge für Verbesserungen. Beschäftigte sollen ein Recht darauf haben, ihre Stunden aufzustocken, wenn sie regelmäßig mehr arbeiten, als im Vertrag vorgesehen ist. Teilzeit darf nicht länger zur Falle werden, in der Menschen dauerhaft weniger verdienen und im Alter in Armut rutschen.

Auch die ungleichen Zuschläge gehören abgeschafft: Es ist nicht fair, dass Mehrarbeit in Teilzeit schlechter entlohnt wird als Überstunden in Vollzeit. Gleichzeitig braucht es massive Investitionen in Kinderbetreuung und Pflege, um überhaupt die Voraussetzungen für höhere Arbeitszeiten zu schaffen. Ziel ist nicht die Abwertung von Teilzeit, sondern eine Wahlfreiheit, die ihren Namen verdient: Menschen sollen frei entscheiden können, wie viel sie arbeiten – ohne dass sie strukturell benachteiligt oder finanziell bestraft werden.

„Ein Recht auf Aufstockung könnte sofort umgesetzt werden – ganz ohne Sanktionen.“

Markus Koza, Grüne (31. Juli 2025)

„Viele Beschäftigte würden gerne mehr arbeiten, bekommen aber keine Stunden im Arbeitsvertrag angeboten.“

Barbara Teiber, GPA (28. Juli 2025)

„Die Alleinerzieherin im Handel braucht keinen Wake-up-Call – sie ist längst wach.“

Sven Hergovich, SPÖ NÖ (22. Juli 2025)

Konter der Sozialministerin

Einen deutlichen Kontrapunkt setzte Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ). Am 28. Juli 2025 nutzte sie gleich mehrere Plattformen – das Ö1-Mittagsjournal, die ZIB2 und soziale Medien –, um der Kampagne gegen Teilzeitarbeit entgegenzutreten. Während Vertreter:innen von ÖVP, Industriellenvereinigung und Wirtschaftskammer Teilzeit als Belastung für Wohlstand und Sozialstaat darstellten, betonte Schumann, dass die Realität völlig anders aussieht.

Die Ministerin im Wortlaut:

„Es gibt keinen Grund, die Teilzeitbeschäftigten zu kritisieren – sie leisten gesellschaftlich wichtige Arbeit.“

„Die durchschnittliche Arbeitszeit der Teilzeitbeschäftigten beträgt 21 Stunden, die Wunscharbeitszeit vieler 30 Stunden. Da wären mehr Arbeitgeber:innen gefragt, die gute Teilzeit anbieten, von der man auch leben kann.“

„Ist es fair, dass Teilzeitkräfte nur 25 % Zuschlag für Mehrarbeit bekommen, während Vollzeitkräfte 50 % erhalten?

Für sie gibt es keinen Grund, Teilzeitkräfte zu kritisieren. Im Gegenteil: Diese Menschen leisten gesellschaftlich wichtige Arbeit – und zwar oft unter schwierigen Bedingungen. Der Blick auf die Statistik zeige klar: Die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Teilzeitbeschäftigten liegt bei 21 Stunden, während die Wunscharbeitszeit vieler bei 30 Stunden liegt. Schon diese Diskrepanz widerlegt das Bild der „arbeitsunwilligen Teilzeitkräfte“. Viele würden gerne mehr arbeiten – doch die Strukturen lassen es nicht zu. Hier sieht Schumann nicht die Arbeitnehmer:innen in der Pflicht, sondern die Arbeitgeber und die Politik: Es brauche mehr gute Teilzeitmodelle, von denen man tatsächlich leben könne.

Darüber hinaus rückte sie ein Thema ins Zentrum, das in der Kampagne der Gegner fast vollständig ausgeblendet wurde: die ungerechte Verteilung der unbezahlten Sorgearbeit. Kinderbetreuung, Pflege und Hausarbeit werden nach wie vor überwiegend von Frauen übernommen – und sind zentrale Gründe dafür, dass diese in Teilzeit arbeiten. Solange diese Aufgaben nicht gleichmäßiger verteilt werden und solange Betreuungsangebote fehlen, sei es scheinheilig, Teilzeitarbeit als individuelle „Schwäche“ darzustellen.

Reformvorschläge

Schumann brachte zudem konkrete Reformvorschläge ein. Ihr zentrales Anliegen: ein gesetzliches Recht auf Mehrstunden. Wer über einen längeren Zeitraum hinweg regelmäßig mehr arbeitet, als im Arbeitsvertrag vorgesehen ist, soll einen Anspruch darauf haben, die Stunden offiziell zu erhöhen – bis hin zur Vollzeit. Damit würde ein zentrales Problem vieler Teilzeitkräfte gelöst, die oft jahrelang über Bedarf arbeiten, ohne dass dies im Vertrag und in der Entlohnung sichtbar wird.

Besonders pointiert war Schumanns Kritik an der finanziellen Benachteiligung von Teilzeitkräften. Sie stellte die Frage: „Ist es fair, dass Teilzeitkräfte nur 25 Prozent Zuschlag für Mehrarbeit bekommen, während Vollzeitkräfte 50 Prozent für Überstunden erhalten?“ Diese Ungleichbehandlung sei weder gerecht noch sachlich begründbar – und trage dazu bei, Teilzeit dauerhaft unattraktiv und ungleich zu machen.

Mit diesen Aussagen verschob die Sozialministerin die Debatte entscheidend. Statt moralischer Schuldzuweisungen setzte sie auf strukturelle Analysen, faire Rechte und konkrete Vorschläge. Sie machte sichtbar, dass Teilzeitarbeit kein individuelles Problem ist, sondern ein Spiegel gesellschaftlicher Aufgabenverteilung – und dass es politischen Willen braucht, um echte Wahlfreiheit zu schaffen.

Unterm Strich

Während die ÖVP und ihre Verbündeten mit Schlagworten wie „Wohlstandsverlust“ oder „Lifestyle-Teilzeit“ ein Bedrohungsszenario aufbauten, formulierten Gewerkschaften, Sozialorganisationen und Oppositionsparteien eine ganz andere Erzählung. Sie stellten klar: Teilzeitarbeit ist keine moralische Verfehlung, sondern eine notwendige Antwort auf reale Lebensumstände und strukturelle Defizite.

Damit wird sichtbar, dass die Auseinandersetzung nicht nur eine einfache Arbeitsmarktdebatte ist. Es geht um mehr als um Stundenkontingente oder Pensionsbeiträge – es geht um Deutungshoheit. Wird Teilzeit als Problem individualisiert, indem einzelne Beschäftigte als „faul“ oder „verantwortungslos“ dargestellt werden? Oder wird Teilzeit als Symptom gesellschaftlicher und politischer Rahmenbedingungen verstanden, die seit Jahrzehnten von Regierungen und Arbeitgebern geprägt wurden? Die Verteidiger:innen haben mit Nachdruck auf Letzteres hingewiesen.

Zugleich eröffnet die Debatte einen Blick auf die ungleiche Verteilung von Chancen und Lasten. Teilzeit ist überwiegend weiblich. Sie ist eng verbunden mit unbezahlter Sorgearbeit, mit fehlenden Betreuungsangeboten und mit Strukturen, die Erwerbsarbeit noch immer an männlichen Normbiografien ausrichten. Wer Teilzeitarbeit abwertet, wertet indirekt auch diese Aufgaben ab, und vertieft damit die soziale und ökonomische Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Dass gerade Gewerkschaften, Sozialverbände und Frauenpolitikerinnen diesen Aspekt stark betont haben, zeigt: Hier geht es um mehr als kurzfristige Arbeitsmarktpolitik. Es geht um Gerechtigkeit und Gleichstellung.

Konstruktive Ideen

Bemerkenswert ist auch, dass die Verteidiger:innen konkrete Reformvorschläge vorlegen. Recht auf Aufstockung, faire Zuschläge, massiver Ausbau von Kinderbetreuung und Pflege: All das sind konstruktive Ideen, die zeigen, dass Wahlfreiheit und bessere Arbeitsbedingungen kein Widerspruch sind. Der Tenor lautet: Wer Teilzeit verbessern will, sorgt dafür, dass Menschen mehr arbeiten können, wenn sie es wollen, und gleichzeitig besser abgesichert sind, wenn sie es nicht können.

Insgesamt verdeutlicht die Debatte, dass es hier nicht um „fleißig gegen faul“ geht, wie es manche Politiker:innen gerne zuspitzen. Es geht um die grundlegende Frage, wie wir Arbeit, Familie und gesellschaftliche Verantwortung organisieren wollen. Die Verteidigung der Teilzeitarbeit zeigt, dass es möglich ist, eine andere Geschichte zu erzählen: eine Geschichte von Respekt, von Anerkennung und von politischer Verantwortung für Rahmenbedingungen.

Als Politikberater analysiere ich solche Dynamiken – und unterstütze Organisationen dabei, – Narrative zu erkennen, – Gegenframing zu entwickeln und – politische Kommunikation strategisch auszurichten.

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